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Das Netzwerk Immovielien kommt ins Gespräch mit den Beiratsmitgliedern Bertram Schiffers und Stefan Raetz: über das Jahr 2020 und einen Blick in die Zukunft. Matthias Braun: Das letzte Jahr war ein besonderes für uns alle. Welche Schlagworte fallen euch spontan ein, wenn ihr auf 2020 zurückblickt? Stefan Raetz: Nachdenken. Das Jahr 2020, war für mich vor allem ein Jahr zum Nachdenken: Ein Jahr, um mal in sich zu gehen. Es war aber auch ein Jahr der Entschleunigung. Man hat wieder mehr Ruhe gefunden und sich dabei auch auf das Wesentliche fokussieren müssen. Und zuletzt: Werte. Wir haben auf einmal gemerkt, welche Bedeutung gewisse Werte wiederbekommen und konnten darüber auch in uns gehen. Bertram Schiffers: Ich muss da an unsere Aktivitäten in den Netzwerken denken. Da fällt mir sofort unser wunderbares zweitägiges Immovielien-Netzwerk treffen in Wuppertal ein. Am 28. und 29. Februar haben wir noch zu Beginn der Pandemie ein tolles Live-Treffen mit inspirierenden Persönlichkeiten gehabt. Das war wirklich ein Höhepunkt in diesem Jahr. In Thüringen hatten wir dann im Juli das Netzwerktreffen der LeerGut-Agenten auf Burg Tannroda. Außerdem haben wir das „Sondervermögen StadtLand Thüringen“ bei der Stiftung trias eingerichtet, womit wir jetzt auch ein gemeinnütziges Bodeninstrument für Thüringen haben. Diese Highlights im Jahr 2020 sind angesichts der ganzen Umstände umso wertvoller. Dadurch ist tatsächlich auch ein anderes Bewusstsein entstanden. Welchen Beitrag können Immovielien in Krisenzeiten leisten? SR: Immovielien sind deutlich krisenfester als „normale“ Immobilien. Das ist sicherlich auch etwas, was wir in Zeiten von Corona feststellen können. Immovielien sind sicher, sie sind aber auch Rückzugsorte. Der Beitrag, den sie leisten, wird manchmal erst in Krisenzeiten besonders deutlich und ich hoffe sehr, dass wir Immovielien in diesen Zeiten auch als Chance begreifen und uns dessen nochmal bewusst werden. BS: Die langfristige Perspektive von Immovielien abseits von Kapitalmarktinteressen und die Unabhängigkeit „zu machen“ sind hohe Werte. Viele Immovielien sind genossenschaftlich oder solidarisch organisiert und können so auch in schwierigen Zeiten einen Mehrwert für die Gemeinschaft generieren. Ende November 2020 wurde die Neue Leipzig-Charta verabschiedet, die sich die „transformative Kraft der Städte für das Gemeinwohl“ auf die Fahnen geschrieben hat. Zeichnet sich da eine Trendwende ab und wird unser Netzwerk womöglich bald obsolet? SR: Ich glaube wir müssen uns keine Sorgen machen, dass unser Netzwerk bald obsolet wird und mit der neuen Leipzig-Charta auf einmal alles in Ordnung ist [lacht]. Ich bin aber ganz froh, dass wieder ein Denken darüber stattfindet, was Gemeinwohl ist, was Gemeinwohlorientierung ist und was der durch uns geprägte Begriff „Immovielien“ bedeutet. Im Denken ist da sicherlich einiges passiert, aber ob sich das tatsächlich hinterher auch im Handeln ablesen lässt, da mache ich doch ein paar Fragezeichen dahinter. Denn machen wir uns nichts vor: Durch eine neue Leipzig-Charta werden wir nicht auf einmal die Gewinnmaximierung der klassischen Immobilienmärkte in den Hintergrund bekommen. BS: Die Charta zeichnet auch immer gewisse bestehende Trends und gesellschaftliche Umschwünge nach. Eigentlich gibt es nichts gemeinnützigeres als die Kommune, wie sie bei uns auch im Grundgesetz verfasst ist. Es bedürfte einer solchen Charta also eigentlich nicht, hätten nicht die Einflüsse des Kapitalmarkts und die Finanzialisierung des Immobiliensektors dazu geführt, dass auch Kommunen angefangen haben, in den späten 90er Jahren ihr Tafelsilber zu verscherbeln und ihre Grundstücke zu verkaufen. Wohnungsgesellschaften und Stadtwerke wurden privatisiert, Krankenhäuser privatisiert – das fällt uns jetzt alles auf die Füße. Spätestens mit Corona merken wir, wie wichtig ein solidarisches Gemeinwesen und der Staat sind. Wenn die Charta dazu beiträgt, das Bewusstsein wieder zu schärfen für das Gemeinwesen und die riesigen Möglichkeiten, die darin liegen gemeinschaftlich und solidarisch zu agieren, dann ist das sicher hilfreich. Wir nehmen die Charta also gerne mit, aber genau wie Stefan sagt, für unsere gesellschaftliche Entwicklung brauchen wir alle Seiten, um weiterzukommen. Auf was freut ihr euch speziell im Immovielien-Jahr 2021? SR: Ich freue mich als erstes besonders darüber, dass wir mit dem Forum Baulandmanagement in NRW – da bin ich Vorsitzender – in diesem Jahr eine Handlungsempfehlung zum Erbbaurecht herausgeben werden. Denn wie Bertram eben auch schon gesagt hat, ist es fundamental, dass Kommunen sich stärker mit dem Thema Erbbaurecht beschäftigen und dieses auch als Grundlage nehmen, um wirklich gemeinwohlorientiert in der Stadt zu handeln. Dann hoffe ich, dass das Jahr 2021 aus den Lehren des letzten Jahres erkennt, dass Immovielien einen höheren Stellenwert bekommen müssen und man auch merkt, dass diese für eine Stadt oder die Region etwas Besonderes sind. Außerdem muss man natürlich auch nochmal betonen, dass wir die Krise auch als Chance begreifen sollten, um gewisse Dinge auch zu verändern. Ich hoffe nicht, dass das wieder in Vergessenheit gerät, sobald diese Krise überwunden ist, sondern, dass uns das Nachdenken zu einem Umdenken bringt. BS: 2021 stehen Wahlen an in vielen Bundesländern und im Bund. Ich glaube, dass Immovielien auch da ihre Stimme erheben sollten. Gemeinwohl in der Stadtentwicklung muss nochmal eine ganz starke Betonung kriegen. Nicht zuletzt hat die Pandemie gezeigt, dass die Umweltfragen immer drängender werden und, dass wir mit dem Flächenverbrauch so nicht weitermachen können. Deshalb finde ich die Bodenfrage so wichtig, denn der Boden sollte sich nicht in spekulativen Händen befinden. Wir sprechen hier nicht von einer Enteignung, sondern von einer klügeren Besteuerung. Davon sind wir zwar noch ein paar Schritte entfernt, aber nur so kommen wir da auf einen guten Weg. Dabei freue ich mich auf die guten Kontakte und die Solidarität im Netzwerk.