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Vielfalt am Büchel – erstes Immovielienquartier für Aachen?

Ein Gespräch mit Projektmitarbeiter*innen Antje Eickhoff und Nils Jansen, geführt von Vivienne Graw fürs Netzwerk Immovielien

Immovielien-Gründerin Frauke Burgdorff ist seit 2019 Planungsdezernentin in Aachen. Das Projekt Altstadtquartier Büchel trägt deutlich ihre Handschrift. Wir haben nachgefragt, was im Herzen der Aachener Altstadt, rund um das Parkhaus „Büchel“ gerade passiert.

Auf einer Fläche von ca. 2 Hektar soll ein neues, vielseitiges Innenstadtquartier mit einem Nutzungsmix aus öffentlichen Räumen, Wohnungen, Lern- und Arbeitsorten entstehen. Ein Knotenpunkt, der von allen Bevölkerungsgruppen und -schichten genutzt wird. Der erste große Schritt in diesem Projekt ist die schrittweise Schließung und der für 2021 geplante Abriss, des Parkhaus Büchel. Im gerade laufenden Sondierungsverfahren „Stadt machen am Büchel“ wird nach innovative Nutzungs- und Investitionsideen für dieses neu Innenstadtquartier gesucht. Die Vorschläge müssen identitätsstiftend und städtebaulich passend in eine altstadttypische Umgebung eingebettet werden können und sind durch eine lebendige Nutzungs- und Perspektivenvielfalt auszeichnen (Quelle: https://buechel-aachen.de/).

Was sind die Haupt-Ziele des Projektes? Welche Ziele verfolgt die Stadt Aachen mit diesem Projekt in erster Linie?

Jansen: Hauptziel des Projektes ist es ein lebendiges, nutzungsdurchmischtes neues Stück Altstadt zu bauen und damit auch ein Stück Stadt zu reparieren, das aktuell einerseits durch das Parkhaus Büchel dominiert, andererseits durch den Prositutionsbetrieb in der Antoniusstraße geprägt wird.

Eickhoff: Es geht darum möglichst viele Personen für das Projekt zu begeistern und kleinteilige Strukturen zu schaffen. Das bedeutet, wenn mal 1-2 Bausteine ausfallen, dass es dann nicht schwer ist, neue Nutzer*innen zu finden, weil die Bausteine so klein und multifunktional sind. Ich meine dieses „Hybride“, wo Wechsel auch Spaß machen kann, das Dynamische, dass sich an die Gegebenheiten anpassen kann.

Auf der Website des Projektes steht, dass es schon mal einen städtebaulichen Wettbewerb für die gesamte Fläche zwischen Büchel und Klein- bzw. Großkölnstraße gab, doch die zwei Investoren hätten sich zurückgezogen. Bedeutet das, dass es kein städtebauliches Konzept für die Zeit nach dem Abriss gibt?

Jansen: Den Beschluss dieses Parkhaus abzureisen gibt es bereits seit 1986. Seitdem gab es verschiedene Versuche das Gebiet zu entwickeln. Der letzte startete 2014/2015 mit den damaligen Investoren, die gemeinsam mit der Stadt einen städtebaulichen Wettbewerb durchgeführt haben, der sich sehr stark an ihrem Programm orientiert hat. Damals ging es dem Einzelhandel noch besser, d.h. es wurden viel mehr Einzelhandelsflächen geplant. Jetzt, wo die Stadt die Federführung hat, spielen andere Programmbausteine, u.a. öffentliche Nutzung eine stärkere Rolle. Deswegen können wir den bestehenden städtebaulichen Wettbewerb nicht mehr als Grundlage nutzen. Mit unserem Ideenwettbewerb sondieren wir aktuell, um eine Ahnung zu bekommen was das Raumprogramm sein könnte. Auf der Grundlage der eingereichten Konzepte wird es dann ein städtebauliches Qualifizierungsverfahren geben. Zum Schluss wird es dann in einen Bebauungsplan gegossen.

Beim aktuellen Sondierungsverfahren werden vermutlich die unterschiedlichsten Nutzungskonzepte und -ideen eingereicht. Welche Nutzungen wünschen Sie sich für das Gebiet?

Eickhoff: Wir sind für alles offen. Wir wollen einen bunten Mix.

Jansen: Von ganz klein bis ganz groß nehmen wir jede Idee gerne entgegen.

Es ist eine Stadtentwicklungsgesellschaft (SEGA) gegründet worden – extra für dieses Projekt. Finanziert die Stadt die eingereichten Ideen mit? Oder muss die Finanzierung bei der Idee immer schon mitgedacht werden?

Jansen: Jede Idee muss auf eigenen Füssen stehen können. Sollten es private Nutzungsideen sein, dann müssen sie sich selbst tragen können. Bei öffentlichen Nutzungen müssen sie entweder aus öffentlichen Haushalten oder der Städtebauförderung ihre eigenen Finanzierungsquellen bekommen. Doch wir hoffen, dass wir Grundstückspreise anbieten können, die verschiedenste Nutzungen ermöglichen.

Die Stadt Aachen hat bei diesem Projekt die Federführung. Wie viel Immovielienpotenzial stekct aus Ihrer Sicht in dem Projekt?

Jansen: Immovielie steckt schon deswegen mit drin, weil wir das Grundstück nicht an den einen Investor geben, sondern wir über dieses Sondierungsverfahren eine Vielfalt zu lassen.

Eickhoff: Ein Beispiel dafür, wieviel Immovielie jetzt schon drinsteckt, sind unsere „Meffis“ aus der Mefferdatisstraße. Das sind zwei Häuser, die der SEGA bereits gehören und die im Erdgeschoss von einer Gruppe junger Stadtmacher*innen genutzt werden sollen. Dahinter stecken 35 Initiativen aus ganz Aachen, mit großartigen Konzepten. Das wird auf jeden Fall eine Immovielie werden. Einige der Initiativen denken auch weiter, wie sie sich im Rest von Büchel einbringen können, d.h. da spürt man sehr stark den Immovieliengeist.

An welchen Stellen behält sich die Stadt eine „Top down“ Entscheidung vor?

Jansen: Noch werden wesentliche Weichenstellungen von der Politik getroffen. Doch es gibt sicherlich die Möglichkeit, dass die Politik ihre Macht an ein Verfahren abgibt, dass der gemeinwohlorientierten Entwicklung Vorrang gibt. An diesem Zeitpunkt sind wir aber noch nicht. Wir hoffen aber, dass wir über das Sondierungsverfahren so interessante Nutzer*innen finden, dass die Politik gerne ihre Macht an ein Verfahren abtritt.

Orientiert sich die Stadt Aachen auch an anderen „Immovielienentwicklungen“, die von Kommune und Zivilgesellschaft gemeinsam vorangetrieben werden, wie z. B. Haus der Statistik in Berlin?

Eickhoff: Da haben wir sogar einen ganzen Katalog von Inspirationen. Je nachdem um welches Thema es gerade geht, muss ich an ein bestimmtes Projekt denken. Zum Beispiel lässt mich die Mischung aus kleinteiligen Existenzgründungsgeschichten oft an Fritz 23 in Berlin denken. Und wir hatten bereits Tobias Becker von der Rohrmeist Schwerte und dem Netzwerk Immovielien hier, der für die Meffis Frage und Antwort gestanden hat und Christian Hampe aus utopiastadt möchte auch bald vorbeikommen.

Webseite Büchel